Hochzeitsreportage · Gebesee

Als die Feuerwehr kam

Eine Hochzeit in Thüringen, bei der niemand etwas bestellt hat. Alle haben etwas mitgebracht.


Brautpaar auf den Trittbrettern eines roten Robur Garant Feuerwehr-Oldtimers, Hochzeit in Gebesee
Der Robur Garant. Ein Löschfahrzeug aus Zittauer Produktion, an diesem Tag Hochzeitsauto.

Es gibt Hochzeiten, die perfekt sind. Alles sitzt, alles ist bestellt, alles kommt pünktlich. Am Abend fährt man nach Hause und hat gute Fotos gemacht.

Und dann gibt es Tage wie den von Susanne und Kevin.

Ich habe damals nicht sofort verstanden, warum mir dieser Tag anders vorkam. Erst später, beim Sortieren, ist es mir aufgefallen: An dieser Hochzeit war fast nichts gekauft. Die Tauben brachte jemand mit. Den Feuerwehrwagen brachte jemand. Der Kaffee am Ende wurde angeboten, nicht gebucht.

Es waren lauter Menschen, die sich vorher etwas überlegt hatten. Und die wenigsten von ihnen haben darüber geredet.

Eine Hochzeit in Gebesee

Gebesee liegt zwischen Straußfurt und Erfurt, dort, wo die Gera in die Unstrut geht. Die B4 führt mitten hindurch, jeder hier kennt den Namen.

Das Standesamt sitzt im Rathaus am Marktplatz, in einem Fachwerkhaus. Das Trauzimmer ist hell und modern eingerichtet und hat Platz für zweiunddreißig Gäste. Einer dieser Räume, in denen niemand hetzt.

Kevin war zuerst oben. Susanne kam später, an der Seite ihres Vaters.

Diese Minuten vor der Trauung sind mir die liebsten am ganzen Tag. Da steht ein Mensch hinter einer Tür und wartet auf den anderen und weiß nicht, wohin mit den Händen. Man ist nervös, obwohl man sich seiner Sache völlig sicher ist. Diese beiden Dinge schließen sich nicht aus, und man sieht es den Leuten an.

Dann ging die Tür auf.

Der Moment, den ich nicht fotografiert habe

Kevin hatte Tränen in den Augen, als er sie kommen sah.

Ich habe die Kamera sinken lassen.

Das mache ich nicht oft, und ich habe es nie bereut. Es gibt Augenblicke, die gehören einem nicht, auch nicht als Fotograf, auch nicht, wenn man dafür bezahlt wird, da zu sein. Man merkt es daran, dass man aufhört zu denken, wo das Licht herkommt.

Und es gibt einen zweiten Grund. Viele Männer zeigen ihre Gefühle nur ungern, und die meisten sind es nicht gewohnt, dabei gesehen zu werden. Wer in so einem Moment auslöst, nimmt sich etwas, das ihm niemand angeboten hat.

Manche Fotos macht man nicht. Das sind die, die man in Gedanken behält.

Die Trauung selbst war einer dieser Momente, in denen ein ganzer Raum leise wird, ohne dass jemand darum bittet.

Brautpaar küsst sich nach der Trauung im Standesamt Gebesee, schwarzweiß
Nach dem Ja.

Ein Spalier und zwei Tauben

Vor dem Rathaus liegt ein freies Stück Platz, gemacht dafür, dass nach der Trauung etwas passieren kann.

Nach der Trauung wartete ein ganzes Spalier, zwei Reihen gegenüber, und Susanne und Kevin mussten hindurchgehen. Ich habe damals nicht gefragt, aus welchem Verein sie kamen, ich habe einfach fotografiert. Was mir geblieben ist, ist nicht die Gruppe, sondern der Gang der beiden dazwischen. Zwischen lauter Gesichtern, die sich für sie freuen, geht man anders als sonst.

Und dann die Tauben.

Jemand hatte sie mitgebracht. Wochen vorher daran gedacht, sich darum gekümmert, an diesem Morgen einen Korb ins Auto geladen, damit dieser eine Augenblick stattfinden kann. Ich habe nie erfahren, wer es war.

Susanne und Kevin bekamen je eine Taube in die Hände gelegt. Warm, lebendig, unruhig. Und dann haben sie sie im selben Moment losgelassen.

Zwei Menschen halten etwas Lebendiges und lassen es gemeinsam los.

Es dauert keine Sekunde. Alle schauen nach oben, und niemand denkt in diesem Moment daran, wie er dabei aussieht. Deshalb sind es immer die ehrlichsten Fotos des Tages.

Danach war es kurz still, so wie es nach so etwas immer kurz still ist.

Und dann kam die Feuerwehr

Ich habe als Hochzeitsfotograf schon einiges vor Standesämtern stehen sehen. Weiße Limousinen, einmal sogar eine Stretchlimousine. Trecker. Motorradgespanne. Pferdekutschen.

An diesem Tag bog ein roter Lastwagen um die Ecke.

Direkt vor dem Standesamt konnte er nicht halten, also stand er ein Stück weiter, und wir sind alle zu ihm hinübergegangen. Ich glaube, in dem Moment hat keiner mehr an den Zeitplan gedacht.

Brautpaar neben dem roten Feuerwehr-Oldtimer in der Nähe des Standesamts Gebesee
Ein Stück weiter, auf dem Pflaster. Direkt am Standesamt hätte der Wagen nicht halten können.

Ein Robur Garant, gebaut in Zittau. Ein Löschfahrzeug, wie es jahrzehntelang bei den Freiwilligen Feuerwehren im ganzen Osten stand. Plane über der Ladefläche, zwei Blaulichter auf dem Dach, die Feuerlöscher noch an ihrem Platz. Wer damit groß geworden ist, erkennt so einen Wagen am Kühlergrill, bevor er die Schrift darunter lesen kann.

Auf der Motorhaube lag ein Brautstrauß.

Und da war es wieder, dasselbe wie bei den Tauben. So ein Fahrzeug mietet man nicht. Ein Robur steht in einem Gerätehaus, weil Leute ihre Sonntage damit verbringen, weil einer die Ersatzteile besorgt und ein anderer den Lack macht. Wenn er zu einer Hochzeit fährt, dann nicht, weil eine Rechnung geschrieben wurde, sondern weil jemand gesagt hat: Das machen wir für euch.

Man kann viel Geld für eine Hochzeit ausgeben. Nicht aber, dass Menschen so etwas für einen tun.

Das muss man sich verdient haben. Über Jahre, ohne es zu merken.

Braut vor dem roten Feuerwehr-Oldtimer auf der Wiese in Gebesee
Sie wollte unbedingt neben den Wagen. Ich habe niemanden hinstellen müssen.

Hinterm Feuerwehrauto her

Wir kannten den Weg nicht. Also sind meine Assistentin und ich dem Wagen einfach gefolgt.

Ein Robur ist kein schnelles Auto, und darüber war ich an diesem Nachmittag sehr froh. Hinten war die Plane geöffnet. Susanne und Kevin saßen links und rechts an der Klappe, hoch über uns, und haben zu uns herunter gesehen. Sie haben sich unterhalten, sie haben gelacht, und man konnte ihnen von einem Auto Abstand ansehen, wie sehr sie diese Fahrt genossen.

Ich habe in diesem Beruf viele Hochzeitsautos begleitet. Aber ich erinnere mich an kein Paar, das dabei so ausgesehen hätte. Nicht aufgeregt. Nicht in Pose. Einfach zwei Menschen, die genau dort waren, wo sie sein wollten.

Braut und Bräutigam im Führerhaus des Feuerwehrwagens, schwarzweiß
Im Führerhaus. Man sieht ihr an, dass dieser Tag genau so werden sollte.

Das Sonnenblumenfeld

Irgendwann hielt der Wagen an einer Kreuzung. Ob es eine Pause sein sollte oder etwas anderes, weiß ich bis heute nicht.

Ich weiß nur, dass ich in diesem Moment durch die Scheibe nach vorn gesehen und ein Sonnenblumenfeld entdeckt habe. Ich bin ausgestiegen und habe gefragt, ob wir hier ein paar Augenblicke bleiben dürfen.

Sie haben Ja gesagt. Ohne zu zögern.

Das klingt nach nichts. Es ist aber alles. An ihrem eigenen Hochzeitstag, mit einem Zeitplan im Kopf und einem Saal voller Gäste, der wartet, hält jemand mitten auf einer Landstraße an, weil der Fotograf ein Feld gesehen hat.

Diese ungeplanten Halte sind mir die liebsten am ganzen Beruf. Man kann sie nicht vorher einzeichnen. Sie stehen plötzlich am Straßenrand, man hat zehn Minuten, und dann sind sie vorbei.

Brautstrauß am Feldrand an einer Kreuzung bei Gebesee
Zehn Minuten, die niemand vorgesehen hatte.

Fünfhundert Meter, dann links

Danach ging es noch etwa fünfhundert Meter weiter, dann links ab, und wir waren da.

Der 4 Jahreszeiten-Hof lag in der Siedlung außerhalb von Gebesee. Ein weites, offenes Grundstück, viel Rasen, dahinter das Land bis zum Horizont. Dazu ein großer, angenehmer Saal. Keine öffentliche Gaststätte, sondern ein Haus, das es nur für Feiern gab.

Hier ist der größte Teil der Fotos entstanden. Susanne und Kevin auf der Wiese vor dem roten Wagen. Ein Foto, auf dem sie gemeinsam ein Strahlrohr halten und lachen wie zwei, die schon lange zusammen albern sind.

Brautpaar hält gemeinsam ein Strahlrohr der Feuerwehr, Hochzeit in Gebesee
Zwei, die schon lange zusammen albern sind.

Wenn ich mir diese Aufnahmen heute ansehe, fällt mir vor allem eines auf: wie Kevin sie ansieht. Nicht in die Kamera. Nicht dahin, wo ich gerade stehe. Er sieht sie an, auf vielen Fotos, und er merkt es selbst nicht.

Und sie hatte dieses Funkeln in den Augen. Feuer und Glut zugleich.

Es war warm, es war herzlich, es war berührend. Solche Blicke kann man nicht ansagen. Man kann nur danebenstehen und hoffen, dass man rechtzeitig merkt, dass gerade einer passiert.

Bräutigam sieht seine Braut an, schwarzweiß
Dieser Blick. Er hat ihn nie bemerkt.

Und dann die Aufnahme, die mir bis heute am meisten bedeutet. Die beiden stehen im Grünen, dicht beieinander, und haben in diesem Moment vergessen, dass jemand fotografiert.

Das sind die Fotos, für die ich diesen Beruf so gern mache. Nicht die, bei denen ich vorher sage, wie jemand stehen soll, wohin er sehen soll, was er mit den Händen macht. Sondern die, bei denen ich gar nichts sage.

Die schönsten Fotos entstehen in den Sekunden, in denen ich vergessen werde.

Man kann sie nicht planen. Man kann nur die ganze Zeit bereit sein und hoffen, dass man in der richtigen Sekunde nicht gerade das Objektiv wechselt.

Brautpaar dicht beieinander im Grünen, unbeobachteter Moment
Der Moment, in dem sie vergessen haben, dass ich da bin.

Der Kaffee und die Torte

Und dann kam der Teil, über den Fotografen selten schreiben.

Als wir fertig waren und eigentlich hätten einpacken müssen, haben Susanne und Kevin gefragt, ob wir nicht noch zum Kaffee bleiben wollen.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ein Fotograf ist an so einem Tag ein Gast, der arbeitet. Man ist von morgens an sehr nah dran, man sieht Dinge, die sonst niemand sieht, und dann packt man zusammen und fährt nach Hause, während die anderen anfangen zu feiern. Das gehört dazu, und ich beklage mich nicht darüber.

An diesem Tag war es anders. Wir sind geblieben.

Und weil wir da waren, habe ich auch noch den Tortenanschnitt fotografiert. Nicht, weil es vereinbart war. Sondern weil ich nach diesem Tag gar nicht anders konnte.

So funktioniert das nämlich. Menschen, die etwas geben, ohne zu rechnen, stecken einen an.

Ich weiß nicht mehr, worüber wir an diesem Tisch geredet haben. Es ist ein paar Jahre her, und ich habe seitdem viele Hochzeiten fotografiert. Aber ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, dort zu sitzen. Der Nachmittag ging langsam aus, draußen auf der Wiese stand der rote Wagen, und drinnen saßen Menschen zusammen, die sich mögen.

Brautpaar auf der weiten Wiese hinter dem Haus, Blumenregen
Die weite Wiese hinter dem Haus.

Was davon geblieben ist

Ich fotografiere seit vielen Jahren Hochzeiten in Thüringen. In der Landeshauptstadt Erfurt, in Sömmerda, Weimar, Gotha, Apolda, Arnstadt, Sangerhausen, Artern, Weißensee, Straußfurt und in vielen kleinen Orten rundherum, deren Namen man nur kennt, wenn man dort jemanden hat.

Und ich sage es ehrlich: Manche dieser Tage verblassen. Man sieht die Fotos wieder und denkt, ja, das war schön. Mehr kommt nicht.

Dieser hier nicht.

Lange dachte ich, es liegt an dem roten Wagen. Ein Feuerwehr-Oldtimer vor einem Standesamt, das vergisst man nicht, das ist schnell erzählt.

Aber das stimmt nicht.

Was geblieben ist, sind nicht die Fotos. Es sind die Menschen darauf.

Ein Paar, um das herum alle etwas mitbringen wollten. Zwei, die ihren eigenen Zeitplan umwerfen, weil am Straßenrand ein Feld steht. Und die am Ende eines langen Tages, an dem sie im Mittelpunkt standen, daran denken, den Fotografen zum Kaffee einzuladen.

So etwas kann man nicht buchen. Man kann es nur erleben und hinterher hoffen, dass man in den richtigen Sekunden ausgelöst hat.

Susanne, Kevin: Danke. Für den Tag, für die Tauben, für die Feuerwehr, für das Sonnenblumenfeld und dafür, dass wir bleiben durften.

Ort
Gebesee, Landkreis Sömmerda, zwischen Straußfurt und Erfurt
Trauung
Standesamt Gebesee im Rathaus am Marktplatz 13. Helles Trauzimmer mit 32 Sitzplätzen, Fachwerkfassade als Fotokulisse, Platz vor dem Eingang für Hochzeitsbräuche. Seite des Standesamts
Feier
4 Jahreszeiten-Hof, Gebesee-Siedlung. Der Betreiber plant, den Betrieb Ende 2026 einzustellen. Ob es dort mit jemand anderem weitergeht, weiß ich nicht.
Hochzeitsauto
Robur Garant, historisches Löschfahrzeug aus Zittauer Produktion
Jahr
2021

Was Susanne und Kevin danach geschrieben haben

Vier Wochen nach der Hochzeit haben die beiden diese Bewertung bei Google hinterlassen. Sie steht dort bis heute öffentlich, weiter unten im Karussell findet ihr sie wieder.

Diese Bewertung
S
Susanne und Kevin
★★★★★ September 2021

Hallo Dirk, wir möchten dir DANKE für die wunderschönen Bilder unserer HOCHZEIT sagen. Du hast unseren Tag mit so schönen Bildern festgehalten. Du bist uns sehr nett, sehr freundlich und sehr zuverlässig. Unsere Gäste haben nur positiv von dir gesprochen und sind auch alle von den Bildern begeistert. Wir empfehlen dich gerne weiter.

Liebe Grüße Susanne und Kevin

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