Aus dem Blog
Ich konnte nicht mehr laufen. Aber ich konnte noch sehen.

Da, wo ich hingehöre. Hochzeit in Thüringen, Frühjahr 2026.
Meine Geschichte · Teil 2
Was von einem Fotografen übrig bleibt, wenn er nicht mehr aufstehen kann. Und warum genau da etwas Neues anfing.
Das Foto da oben ist vom April. Ein Brautpaar in Thüringen, Frühling, gutes Licht. Ich stehe da, Kamera am Auge, und mache das, was ich seit dem Jahr 2000 mache.
Was man auf dem Foto nicht sieht: Auf dem Fuß, auf dem ich da stehe, fehlt die Hälfte.
Und was man erst recht nicht sieht: Es gab Jahre, in denen ich nicht geglaubt habe, dass ich jemals wieder Fotos machen würde.
Davon handelt dieser Teil. Und ich sage dir gleich: Das wird keine Heldengeschichte. Es ist die Geschichte von jemandem, der in einem Krankenhausflur saß, weil er die Ruhe brauchte, die es im Zimmer nicht gab.
Das Schlimmste war nicht der Schmerz
Das denken die meisten. Sie fragen mich nach dem Schmerz. Ob es weh tut, ob ich Tabletten nehme, wie ich das aushalte.
Und jetzt kommt etwas, das kaum jemand versteht.
Von meinem rechten Fuß bis hinauf zur Hälfte des Schienbeins habe ich nichts gespürt. Kein Gefühl. Nicht warm, nicht kalt, nicht Berührung. Da war einfach nichts.
Man liegt in einem Bett und schaut auf ein Bein, das zu einem gehört, das man aber nicht mehr fühlt. Man kann es anfassen und es ist, als würde man jemand anderen anfassen.
Der Schmerz war also nie da, wo alle ihn vermuten.
Der Schmerz war im Kopf. Und im Herzen.
Es tat nicht weh, den Fuß zu verlieren. Es tat weh, zuzusehen, wie man sich selbst verliert.
Und dazu kam das, was mich wirklich fertiggemacht hat: die Zeit.
Ein Fotograf lebt davon, unterwegs zu sein. Ich stehe stundenlang. Ich knie mich hin, ich lege mich auf den Boden, ich renne einer Braut hinterher, weil das Licht in zwei Minuten perfekt ist und danach nie wieder. Mein Beruf ist Bewegung. Warten und dann ganz schnell sein.
Und dann liegst du da. Bein hoch. Wochenlang. Monatelang. Und die Zeit vergeht einfach nicht.
Es gab Phasen, da ging gar nichts mehr. Nicht freihändig, nicht mit Gehhilfen. Rollstuhl. Jemand musste mich schieben. Ein Mann, der sein Leben lang gearbeitet hat, der auf Hochzeiten stundenlang auf den Beinen war, wird durch einen Gang gefahren und kann nicht mal selbst entscheiden, wann er anhält.
Das macht etwas mit einem Menschen. Und zwar nichts Gutes.
Ich hatte lange einen Feind da oben in meinem Kopf. Monate, in denen ich nur funktioniert habe. Es gab Tage, an denen ich aus dem Fenster geschaut und gar nichts gefühlt habe.
Und dann hat sich irgendwann etwas gedreht.
Der Flur
Es klingt banal, aber so fing es an: Ich habe mir einen Platz gesucht, an dem ich meine Ruhe hatte.
Im Zimmer war es nicht laut. Aber es war auch nicht ruhig. Es war dieses ständige Halb-Etwas. Jemand geht rein, jemand geht raus. Der Nachbar redet, das Essen kommt, die Schwester schaut nach dem Tropf. Nichts davon ist schlimm. Aber du kommst nie an. Du kannst nie richtig eintauchen.
Also bin ich raus auf den Flur.
Habe mir einen Beistelltisch geschnappt, den Laptop draufgestellt, das Tablet daneben. Und dann saß ich da, im T-Shirt, mit Kopfhörern in den Ohren, zwischen zwei Zimmertüren, und habe gearbeitet.
Nicht weil ich musste. Es gab nichts, was ich musste. Niemand hat auf mich gewartet.
Sondern weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, nichts zu tun.

Da sitzt ein Mann auf einem Krankenhausflur an einem Beistelltisch. Und arbeitet.
Ich weiß, wie das aussieht. Ein bisschen verrückt. Ein bisschen traurig vielleicht.
Für mich war es das Gegenteil. Es war der erste Moment seit Langem, in dem ich wieder etwas selbst entschieden habe. Nicht der Arzt. Nicht der Körper. Ich.
Was ein Fotograf wirklich kann
Es gibt einen Irrtum über meinen Beruf, den ich hier ausräumen will.
Die Leute denken, ein Fotograf sei jemand, der eine gute Kamera bedienen kann. Das ist ungefähr so, als würde man sagen, ein Koch sei jemand, der einen Herd anmachen kann.
Die Kamera ist das Letzte, was passiert.
Was ein Fotograf wirklich kann, ist ein Bild sehen, bevor es existiert.
Schau dir das Foto ganz oben noch mal an. Was du siehst, ist der Auslöser. Was du nicht siehst, ist das, was drei Sekunden vorher in meinem Kopf passiert ist: Ich habe gesehen, dass gleich gelacht wird. Ich habe gewusst, wo ich stehen muss, damit die Sonne nicht in die Linse fällt. Ich hatte das Bild, bevor es das Bild gab.
Das ist der Muskel. Nicht der Finger. Der Kopf.
Und dieser Muskel funktioniert im Sitzen genauso gut. Er funktioniert sogar im Rollstuhl.
Zwei Welten, die nie zusammenkamen
Was die wenigsten über mich wissen: Der Fotograf war nie meine einzige Seite.
In der DDR gab es keine Computer. Nicht für uns. Mein erster Rechner kam 1993, und von dem Tag an hat mich das nicht mehr losgelassen. Ich habe mich durch Bildbearbeitung gefressen, als das noch wehtat. Ich habe Websites gebaut, Server konfiguriert, Dinge auseinandergenommen, nur um zu verstehen, wie sie funktionieren. Wenn etwas nicht lief, habe ich nicht den Support angerufen. Ich habe die Nacht durchgemacht.
Wer mich kennt, weiß das. Wer mich nur als Fotograf kennt, ahnt es nicht.
Und ehrlich: Ich habe die beiden Seiten selbst nie zusammengebracht. Tagsüber Kamera, abends Code. Zwei Leben, die sich höflich grüßten und ansonsten in Ruhe ließen.
Bis zu einem Tag im November.
Der 30. November 2022
An diesem Tag hat eine amerikanische Firma ein Programm veröffentlicht, mit dem man reden konnte. ChatGPT.
Und ich saß da. Ein Mann, der Rechner liebt, seit er seinen ersten hatte. Mit einem kaputten Fuß, zu viel Zeit und einem Werkzeug in der Hand, das noch niemand richtig verstanden hatte.
Das war kein Zufall. Das war ein Streichholz neben Benzin.
Ich habe angefangen, damit zu arbeiten. Nicht aus Langeweile. Aus purer Neugier. Weil ich wissen wollte, wo die Grenze liegt.
Und dann ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe.
Ich habe gemerkt, dass hier plötzlich beides gebraucht wird.
Die Technik konnte ich. Das war nie die Frage.
Aber Technik allein reicht bei diesen Systemen nicht. Man muss beschreiben können, was man sehen will. Präzise. In Worten. Bevor es existiert.
Und genau das mache ich seit über zwanzig Jahren.
Ich sage Brautpaaren, wie sie stehen sollen. Ich erkläre Familien, was gleich passieren wird. Ich baue Bilder im Kopf und hole sie dann in die Welt.
Zum ersten Mal in meinem Leben brauchte ich beide Hälften gleichzeitig. Den Nerd und den Fotografen.
Und jetzt saß ich da, auf einem Flur, mit einem Bein, das ich nicht mal mehr spürte, und stellte fest:
Meine zwei Leben waren nie zwei Leben. Sie waren Vorbereitung.
Ich hatte zwanzig Jahre lang für einen Moment trainiert, von dem ich nicht wusste, dass er kommen würde.
Frag dich das mal ehrlich
Ich erzähle das nicht, weil ich dir eine Technik verkaufen will. Sondern weil ich glaube, dass die meisten Menschen ihre eigene Fähigkeit gar nicht kennen.
Wir definieren uns über das, was wir tun. Ich bin Fotograf, also fotografiere ich. Ich bin Kraftfahrer, also fahre ich. Ich bin Pflegerin, also pflege ich. Und wenn das wegbricht, denken wir, wir sind weg.
Aber das stimmt nicht.
Unter dem, was du tust, liegt das, was du kannst. Und das ist etwas völlig anderes.
Ein Kraftfahrer kann nicht nur fahren. Er kann vorausschauen. Er kann ruhig bleiben, wenn andere hektisch werden. Er kann acht Stunden konzentriert sein, während nichts passiert. Das sind Fähigkeiten. Die kann ihm kein kaputtes Knie nehmen.
Eine Pflegerin kann nicht nur pflegen. Sie kann in drei Sekunden erkennen, wie es einem Menschen wirklich geht. Sie kann Chaos ordnen. Sie kann für andere stark sein, auch wenn sie selbst nicht mehr kann.
Ein Fotograf kann nicht nur fotografieren. Er kann sehen, was noch nicht da ist.
Ich habe diese Antwort nicht gefunden, weil ich klug war. Ich habe sie gefunden, weil ich keine Wahl hatte.
Aus dem Sehen wurde Gestalten
Ich habe angefangen, Motive zu bauen. Erst nur, um zu sehen, ob es geht. Dann, weil es mich gepackt hat. Dann, weil ich merkte, dass daraus etwas werden könnte.
Und weil ich Bildbearbeitung seit zwei Jahrzehnten kenne, habe ich sofort gesehen, wenn etwas nicht stimmte. Ich sah die Fehler, die andere übersehen. Ich sah, wo ein Motiv sauber ist und wo es billig wirkt.
Das war kein Talent. Das waren zwanzig Jahre Handwerk aus zwei Richtungen, die endlich am selben Tisch saßen.
Irgendwann bin ich nach Hause gekommen. Und da, an meinem eigenen Schreibtisch, wurde aus dem Zeitvertreib etwas Ernstes.

Daraus wurde am Ende ein eigener Shop. Er heißt www.streetwear
.de und es geht um Kleidung mit Humor. Wenn dich interessiert, was genau daraus geworden ist, dann erzähle ich das dort drüben in Ruhe.
Ich werde es hier nicht wiederholen. Denn dieser Beitrag gehört nicht dem Shop.
Er gehört dem Moment davor. Dem Mann auf dem Flur, der begriffen hat, dass er noch nicht fertig ist.
Was mir geblieben ist
Ich fotografiere heute wieder. In Sömmerda, in Thüringen, überall dort, wo mich jemand haben will. Hochzeiten, Familien, Menschen, Tiere. Rund sechzig Hochzeiten durfte ich bisher begleiten, und ich habe nicht vor, damit aufzuhören.
Aber ich bin nicht mehr derselbe Fotograf.
Wer monatelang stillgestanden hat, wird langsamer. Und langsam ist in meinem Beruf kein Nachteil. Ich hetze nicht mehr. Ich sehe genauer hin.
Wenn heute bei einer Hochzeit ein Vater seiner Tochter beim Tanzen zuschaut und ihm die Augen feucht werden, dann weiß ich ganz genau, was das ist. Das ist nicht nur ein Foto. Das ist etwas, das es in einem Jahr vielleicht nicht mehr gibt.
Das habe ich in keinem Kurs gelernt.
Das habe ich in elf Kliniken gelernt.
Man muss nicht gesund sein, um zu sehen. Man muss nur wach sein.