Aus dem Blog
Sie sind einfach gekommen.

6. September 2025, Charité Berlin. Vorn ich, dahinter Christian, rechts Josh.
Meine Geschichte · Teil 3
Über die Menschen, die da waren, als es bei mir nichts zu holen gab. Und über den Tag, an dem ich gemerkt habe: Ich bin wieder da.
Das Foto oben ist technisch keine Meisterleistung. Ein Selfie, schief gehalten, mit dem Handy. Als Fotograf könnte ich dir eine ganze Liste aufzählen, was daran nicht stimmt.
Es ist trotzdem eines der wichtigsten Fotos, die ich besitze.
6. September 2025, auf dem Gelände der Charité in Berlin. Vorn sitze ich, dahinter Christian, rechts Josh. Was man auf dem Foto nicht sieht: Ich sitze in einem Rollstuhl. Die beiden haben mich vorher dorthin geschoben.
Sie sind einfach gekommen.
Wenn du wochenlang in einem Krankenhaus liegst, verschiebt sich etwas. Der Tag hat keine Struktur mehr außer Visite, Essen und Warten. Du redest fast nur noch mit Menschen, die dafür bezahlt werden. Das ist niemandem vorzuwerfen, aber es bleibt so.
Und dann stehen auf einmal zwei Leute vor der Tür, die nichts davon müssen. Ich kann dir schlecht in Worte fassen, was das mit einem macht. Ich kann dir nur sagen: Ab diesem Tag ging es aufwärts. Nicht mit meinem Fuß. Mit mir.
Wenn du von diesem ganzen Beitrag nur einen Satz mitnimmst, dann diesen:
Der Weg zurück war nie ein Weg. Es waren Menschen.
Und gleich vorweg, damit du weißt, worauf du dich einlässt: Das hier ist kein Beitrag, bei dem du mich bemitleiden sollst. Warum, das schreibe ich dir am Ende.
Ein Bett, ein Fenster, und viel zu viel Zeit
2025 lag ich in der Charité in Berlin. Einundvierzig Operationen und elf Kliniken lagen da hinter mir, von Bayern über Thüringen bis Hamburg. Angefangen hatte alles 1996 mit einer Dornwarze am Fuß, aus der über die Jahre eine chronische Knochenentzündung geworden ist.
Wie es dazu kam, steht ausführlich in Teil 1, und wie ich diese Zeit überhaupt ausgehalten habe, in Teil 2. Ich wiederhole das hier nicht.
Denn diesmal geht es nicht darum, was mir passiert ist. Sondern darum, wer da war.
Sie kamen, wenn keiner musste
Christian wohnt in Berlin. Josh ist von zu Hause losgefahren, mehrere hundert Kilometer.
Josh habe ich auf einer Hochzeit kennengelernt. Nicht auf irgendeiner. Es war meine allererste Hochzeit als Profi, den ganzen Tag gebucht. Der Bräutigam war Arndi, Josh war Gast.
Das ist eine Sache, die mir bis heute nicht in den Kopf will. Du wirst für einen Tag bezahlt, machst deine Arbeit und fährst nach Hause. Und Jahre später schiebt dich einer von den Gästen durch ein Klinikgelände. Christian kenne ich über Josh, Mandy ist Joshs Freundin.
Ich hatte nichts zu bieten. Keine Geschichten, keine gute Laune, kein besonders angenehmer Gastgeber. Ich lag da und war fertig.
Sie sind trotzdem gekommen.
Und weißt du, was Josh gesagt hat, als er im Zimmer stand?
Na, alles fit?
Kein betroffenes Gesicht, kein vorsichtiger Ton. Keine dieser Fragen, bei denen man hört, dass sich jemand vorher zurechtgelegt hat, wie er sie stellt. Wer wochenlang nur noch behutsam angesprochen wird, weiß, was dieser eine Satz wert ist. Er hat mich nicht wie einen Patienten behandelt. Er hat mich behandelt wie mich.
Und dann haben sie etwas gemacht, das ich nicht vergesse. Sie haben mir in den Rollstuhl geholfen und mich rausgeschoben. Raus aus dem Zimmer, raus aus dem Gebäude, raus vom ganzen Klinikgelände. Erst zu einem Dönerladen, danach an die Spree.
Geredet haben wir über Gott und die Welt. Genau das, was man redet, wenn man sich länger nicht gesehen hat. Kein Wort über Prognosen. Kein Wort über meinen Fuß.
Genau das war der Punkt.
Es klingt nach nichts. Ein Döner und ein bisschen Wasser. Für mich war es an dem Tag mehr wert als jede Untersuchung.

Christian war bei diesem einen Mal dabei. Josh war jedes Mal dabei. In Halle zweimal, zusammen mit Mandy. In Bad Berka 2017, zusammen mit Arndi. Und jetzt in Berlin.
2017. Da lag das alles schon über zwanzig Jahre hinter mir, und es sollte noch einmal acht Jahre weitergehen.
Das sind keine großen Gesten. Niemand hat eine Rede gehalten. Sie sind einfach gefahren. Ich schreibe die Namen hier hin, weil ich es kann und weil es sonst niemand tut.
Und ich sage dir ehrlich: Damals habe ich das nicht groß kommentiert. Ich weiß nicht mal, ob ich mich jedes Mal richtig bedankt habe. Man liegt da, man ist mit sich beschäftigt, und man begreift erst hinterher, wer wirklich da war.
Menschen fahren keine Stunden für jemanden, der fertig ist. Sie fahren für jemanden, an den sie noch glauben.
Und falls du gerade jemanden kennst, dem es schlecht geht, und nicht weißt, was du sagen sollst:
Du musst gar nichts sagen. Fahr einfach hin.
Vati und Mutti
Über eine Gruppe wird selten geredet, wenn jemand jahrzehntelang krank ist. Über die, die es mit aushalten.
Meine Eltern.
Mein Vater war viele Jahre Fleischer, bis ihm eine Stiefelallergie den Beruf genommen hat. Danach war er bis zum Schluss auf Montage und hat Fenster eingebaut. Ein Mann, der sein Leben lang mit den Händen gearbeitet hat und für den Stillstand nie eine Option war. Vielleicht ahne ich deshalb ganz gut, was ihn das Zusehen gekostet hat.
Meine Mutter war viele Jahre beim Liegenschaftsdienst am Amtsgericht. Und daneben hat sie das gemacht, was in keinem Arbeitsvertrag steht: Sie hat diese Familie zusammengehalten. Egal was gekommen ist, egal wie schwierig es wurde. Sie war da.
Ohne sie wäre ich heute nicht an dem Punkt, an dem ich stehe. Das ist kein Satz, den man so dahinsagt. Das ist einfach so.
Und weil sie an meiner Lage nichts ändern konnte, hat sie das Einzige getan, was noch ging. Sie hat mitgebracht. Jedes Mal dasselbe: viel Obst, viel Gemüse, ein bisschen Süßes. Und manchmal richtiges Essen aus der Heimküche.
Das klingt banal. Ist es nicht. Wer nicht helfen kann, sorgt wenigstens dafür, dass etwas Anständiges auf dem Tisch steht.

In diesen Tagen hatte man mir gesagt, wie es weitergeht, falls es zurückkommt. Dann nehmen wir den Unterschenkel.
Und dann sitzen wir da zu dritt unten in der Cafeteria, essen eine Kleinigkeit und reden über irgendetwas anderes. Über das, worüber man mit seinen Eltern eben redet. Was zu Hause los ist. Wer sich gemeldet hat. Nichts davon war wichtig.
Und genau deshalb war es wichtig.
Genau das haben meine Eltern jahrzehntelang gemacht. Nichts schönreden. Einfach dableiben, wenn die Lage schlecht ist.
Sie konnten nicht überall dabei sein, und das habe ich auch nie erwartet. Nach Hamburg sind es sieben Stunden Fahrt. Da ist niemand hingekommen, und ich habe es von niemandem verlangt. Nach Berlin ebenfalls nicht, beide sind inzwischen alt und die Strecke wäre zu viel gewesen.
Aber überall dort, wo es ging, waren sie da. Nach Halle sind es anderthalb Stunden, nach Bad Berka eine gute Stunde. Diese Strecken sind sie gefahren, über Jahrzehnte. Immer wieder ins Auto, immer wieder derselbe Weg, immer wieder ein Sohn, dem es nicht besser ging.
Sie haben nie gefragt, ob sich das noch lohnt.
Und sie haben etwas gemacht, das ich damals nicht einordnen konnte und heute genau verstehe: Sie haben mich gefestigt. Nicht mit großen Worten, sondern dadurch, dass sie da waren und ruhig geblieben sind, wenn ich es nicht war. Wenn du selbst nicht mehr weißt, wo oben ist, brauchst du jemanden, der es für dich weiß. Genau das waren sie.
Ich glaube inzwischen, dass so etwas für Eltern härter ist als für den, den es trifft. Der Betroffene hat wenigstens etwas zu tun, er muss da durch. Eltern können nur zuschauen und nichts ändern.
Vati, Mutti: Danke. Ich habe euch das viel zu selten gesagt.
Jared
Und dann ist da einer, der die ganzen Jahre über einfach dazugehört hat. Bei den Besuchen, bei den Fahrten, bei allem, was dazwischen lag.
Mein Sohn Jared. Neunzehn ist er inzwischen.
Es gab eine Zeit, in der nicht nur mein Fuß auseinanderfiel. Nach fünfundzwanzig Jahren ging eine Ehe zu Ende. Was ich dazu sagen wollte, habe ich in Teil 1 gesagt, und mehr wird es auch nicht.
Was ich hier sagen will, ist etwas anderes. Jared war da. Nicht mit großen Worten, dafür ist er nicht der Typ. Sondern einfach dadurch, dass es ihn gibt und dass er geblieben ist.
Es gibt Menschen, die reden dich wieder aufrecht. Und es gibt welche, die setzen sich nur daneben, und hinterher bist du trotzdem aufrechter als vorher. Mein Sohn gehört zur zweiten Sorte. Ohne ihn wäre einiges anders gelaufen, und mit Sicherheit nicht besser.
Und dann kam Berlin. Jared hatte gerade frisch seinen Führerschein und kein Auto. Ich hatte ein Auto und konnte sowieso nicht fahren. Also hat er meins bekommen. Die ganze Zeit, in der ich in Berlin war, und danach noch einige Monate.
Das ist keine große Geste, ich weiß. Für mich war sie in diesen Monaten trotzdem mehr, als ich damals zugegeben hätte.
Denn wenn dir alles genommen wird, was du sonst kannst, wird eine Frage laut, die keiner gern ausspricht: Wozu bist du eigentlich noch gut?
Und dann liegst du in Berlin, entscheidest nichts, kannst nichts, und zu Hause steht trotzdem dein Auto vor der Tür und bringt deinen Sohn dahin, wo er hin muss. Eine Kleinigkeit. Aber genau die hat mir in dieser Zeit die Antwort gegeben.
Vater ist man nicht, weil man kann. Man ist es auch dann noch, wenn man gerade nichts kann.
Der erste Doktor, der mir wirklich Mut machte
Einen muss ich noch nennen, weil es sonst niemand tut.
PD Dr. med. Frank Graef. Oberarzt am Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité und Sektionsleiter der Fuß und Sprunggelenkchirurgie am Campus Virchow Klinikum in Berlin.
Elf Kliniken. Fast dreißig Jahre.
Und irgendwann kam überall derselbe Satz: dass man über den Unterschenkel reden müsse. Dass es vielleicht vernünftiger wäre, einen Schlussstrich zu ziehen. Zuletzt im September 2022 in Halle.
Berlin war das erste Haus, in dem etwas anderes gesagt wurde. Und das fing schon vor der ersten Operation an.
Bevor ich überhaupt nach Berlin gefahren bin, hatte ich mich im Internet umgesehen, mit wem ich es dort zu tun bekomme. Das macht man, wenn man elf Kliniken hinter sich hat.
Beim Vorgespräch saß ich noch nicht bei ihm, sondern bei seinen Kollegen. Und die haben sich Zeit gelassen. Richtig Zeit. Sie haben gefragt und nachgefragt: Was wurde wann gemacht, in welcher Klinik, mit welchem Ergebnis. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich anschließend selbst noch Auskünfte bei den anderen Häusern geholt haben.
Er selbst kam an diesem Tag kurz dazu, während seine Kollegen meinen Fuß begutachteten. Er hat sich das angesehen und einen Satz gesagt: Das bekommen wir hin.
Ich war fast dreißig Jahre lang Patient. Ich weiß, wie sich ein Termin anfühlt, bei dem einer schon weiß, was er sagen will, bevor du den Mund aufgemacht hast. Das hier war das Gegenteil.
Und am Ende stand ein Satz, den ich vorher nie gehört hatte: dass die Chancen gut stehen, dass ich meinen Unterschenkel behalte.
Ich sage dir ehrlich, was ich in dem Moment gedacht habe.
Nicht viel.
Ich hatte über die Jahre so viele Arztmeinungen gehört, dass ich auf keine mehr etwas gegeben habe. Ich habe es zur Kenntnis genommen und weggelegt. Nicht aus Undankbarkeit, sondern aus Erfahrung.
Zehn Monate später sehe ich das komplett anders.
Richtig kennengelernt habe ich ihn erst nach der Operation, bei der ersten Visite auf meinem Zimmer. Bis dahin war er für mich vor allem ein Name und ein Satz.
Die Charité ist eine der renommiertesten Universitätskliniken Europas. Dort arbeiten Menschen, die in ihrem Fach zur Weltspitze zählen. Nach fast dreißig Jahren und elf Kliniken bin ich dort gelandet, und dort saß der, der es konnte.
Ich habe mir hinterher genauer angesehen, womit er sich wissenschaftlich beschäftigt. Und da wurde mir einiges klar.
Er ist habilitiert und Privatdozent. Sein Schwerpunkt sind nicht die Routinefälle. Es sind die anderen: Füße und Sprunggelenke, die schon mehrfach operiert wurden. Fehlheilungen. Knochen, die einfach nicht zusammenwachsen wollen. Also genau die Patienten, die woanders schon eine lange Liste hinter sich haben.
Und eine seiner Forschungsfragen lautet sinngemäß: Warum heilt ein Knochen manchmal nicht?
Fast dreißig Jahre lang war ich die Antwort auf diese Frage, ohne es zu wissen.
Dazu kommt etwas, das ich als Laie erst spät verstanden habe. Er schaut nicht nur auf die Stelle, an der es weh tut. Er denkt in Bewegung: wie Knie, Sprunggelenk und Fuß zusammenhängen, wie sich der Druck beim Gehen verteilt, was eine Fehlstellung an einer Stelle mit einer ganz anderen macht. Seine Habilitation dreht sich genau darum.
Vielleicht liegt darin die ganze Erklärung, warum es in Berlin funktioniert hat und vorher nicht. Ich war kein neuer Fall. Ich war ein Fall, an dem vor Berlin schon zehn andere Häuser gearbeitet hatten. Und genau darauf hat er sich spezialisiert.
Falls du selbst gerade an so einem Punkt stehst, nimm diesen einen Gedanken mit:
Wenn dir eine Klinik sagt, es geht nicht mehr, heißt das erst einmal nur, dass diese Klinik nicht weiterkommt. Es heißt nicht, dass es niemand kann.
Als Mensch ist er ruhig. Bestimmt in dem, was er sagt, ohne dabei über dich hinwegzugehen. Freundlich, korrekt, kein großes Auftreten. Einer von denen, bei denen man merkt, dass die Ruhe keine Masche ist, sondern daher kommt, dass er weiß, was er tut.
Und in Berlin wurde anders behandelt als überall sonst. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, und beide sind mir bis heute im Kopf geblieben.
Das Erste ist der Verband. In allen Häusern davor lief es gleich: Der Arzt kommt, schaut drüber, sagt, was gemacht werden muss, und das Personal setzt es um. In Berlin war es genau andersherum. Bei jeder einzelnen Visite und bei jedem einzelnen Verbandswechsel hat der Arzt selbst verbunden. Nie eine Schwester, nie ein Pfleger. Immer er oder seine Vertretung.
Ich war fast dreißig Jahre Patient und hatte das vorher kein einziges Mal so erlebt.
Das Zweite ist die Luft. Überall vorher wurde nass verbunden: Salben, Cremes, feuchte Auflagen. Berlin war die erste Klinik, die genau das nicht gemacht hat. Dort wurde auf Trockenheilung gesetzt, und teilweise blieb die Wunde stundenlang einfach offen liegen.
Luft hat noch keinem geschadet.
Ich bin kein Mediziner und maße mir kein Urteil an. Mein Laienverdacht ist, dass eine feuchte Umgebung Keimen mehr Raum lässt als eine trockene. Ob das der entscheidende Punkt war, sollen andere beurteilen. Ich kann nur sagen: Es war der auffälligste Unterschied zu fast dreißig Jahren Behandlung. Und es war die erste, nach der nichts zurückkam.
Was er mir aber vor allem gegeben hat, steht in keiner Akte.
Mut. Kraft. Und Hoffnung.
Ich kam nach Berlin mit fast dreißig Jahren Erfahrung darin, dass es nicht besser wird. Wer oft genug enttäuscht wurde, glaubt irgendwann gar nichts mehr. Er hat mir nichts versprochen, was er nicht halten konnte. Aber er hat mir zugetraut, dass wir das hinbekommen.
Geglaubt habe ich es nicht sofort. Geglaubt habe ich es, als eine Einschätzung nach der anderen genau so eintrat, wie er es gesagt hatte.
Wer das nie erlebt hat, unterschätzt, was das wert ist. Ein Mensch, der jahrelang nur gehört hat, was alles nicht mehr geht, braucht irgendwann jemanden, der ihm sagt, was geht.
Und zehn Monate später habe ich keine Schwierigkeiten mehr. Nichts, was mich im Alltag ausbremst. Bei allem, was vorher war, hatte sich schon nach ein paar Monaten gezeigt, dass es nicht behoben ist. Diesmal nicht. Zum ersten Mal, seit ich denken kann, sind zehn Monate vergangen, ohne dass etwas zurückkam.
Sehr geehrter Herr Dr. Graef, falls Sie das hier lesen: Für Sie war das vielleicht ein Fall unter vielen. Für mich war es der Punkt, an dem sich alles gedreht hat.
Sie haben mir meinen Unterschenkel gelassen. Und Sie haben mir etwas zurückgegeben, das ich längst abgeschrieben hatte.
Danke.
Entlassen, und trotzdem leer
Mitte September war es dann soweit. Der Unterschenkel war gerettet. Darauf hatte ich seit 1996 gewartet.
Und dann stand ich draußen und habe nichts gefühlt. Kein Jubel, keine Erleichterung, nicht mal Wut darüber, dass es so lange gedauert hat. Einfach nichts.
Ich glaube, ich habe es schlicht nicht geglaubt. Wenn dir jahrzehntelang jemand sagt, dass es diesmal klappt, und es klappt jedes Mal nicht, dann hört dein Kopf irgendwann auf zuzuhören. Das ist kein Pessimismus. Das ist Selbstschutz.
Die Monate, die keiner postet
Was danach kam, war keine Genesung. Es war eine Prüfung, jeden Morgen neu.
Denn so lief es bei mir immer: Operation, ein paar Monate Ruhe, und dann kam es zurück. Nicht nach Jahren, sondern nach Monaten. Also habe ich jeden Morgen dasselbe gemacht, noch vor dem Aufstehen. Nachschauen. Prüfen. Suchen, ob da wieder etwas ist.
Wer das oft genug erlebt hat, wartet nicht auf Heilung.
Er wartet darauf, dass es wiederkommt.
Und trotzdem hatte ich in diesen Monaten etwas zu tun. Auf dem Krankenhausflur hatte ich angefangen, an einer Sache zu arbeiten, die mit Fotografie auf den ersten Blick gar nichts zu tun hat. Zu Hause habe ich weitergemacht. Nicht weil es jemand von mir erwartet hätte, sondern weil ich einen Grund brauchte, den Laptop aufzuklappen. Was daraus geworden ist, erzähle ich dir in einem der nächsten Teile.
Dazu kam das Praktische, für das sich sonst niemand interessiert. Wieder laufen lernen auf einem Fuß, von dem die Hälfte fehlt. Ausprobieren, wie lange das Stehen hält. Termine. Warten. Wieder Termine.
Und über allem lag eine Frage, die ich mir nie laut gestellt habe: Und wenn du wieder soweit bist, Dirk. Wofür eigentlich?
Wenn du denkst, tiefer geht es nicht
Es gab Phasen, da dachte ich genau das. Ich habe mich geirrt. Es ging tiefer. Mehrmals.
Und genau deshalb schreibe ich das hier auf, denn es ist das Einzige, was ich in fast dreißig Jahren wirklich gelernt habe:
Der Punkt, an dem du denkst, jetzt ist Schluss, ist fast nie der Punkt, an dem wirklich Schluss ist. Er fühlt sich nur so an.
In Klinik nach Klinik habe ich dasselbe gehört: dass es nicht besser wird. Und irgendwann hat einer etwas anderes gesagt. Hätte ich vorher aufgehört zu fragen, hätte ich heute meinen Unterschenkel nicht mehr. Nicht weil die Kliniken davor schlecht gewesen wären, sondern weil ich aufgehört hätte.
Hoffnung ist kein Gefühl. Hoffnung ist eine Entscheidung, die man jeden Morgen neu trifft.
Und ich sage bewusst nicht, dass das leicht ist. Es gab Wochen, in denen ich diese Entscheidung nicht getroffen habe. In denen ich nur funktioniert und aus dem Fenster geschaut und gar nichts gefühlt habe. Das gehört dazu. Das ist keine Schwäche.
Aber irgendwann kommt wieder ein Morgen, an dem es geht. Und dann musst du bereit sein.
Zehn Monate später: Heute bin ich wieder da
Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Kapitel anfange. Dann habe ich gemerkt, dass ein Satz reicht.
Heute bin ich wieder ich.
Nicht der von 1996. Der kommt nicht zurück, und ich will ihn ehrlich gesagt auch nicht zurück. Aber der Mann, der morgens aufsteht und weiß, wofür.
Zehn Monate ohne Rückschlag. Ich stehe wieder, ich arbeite wieder, ich fotografiere wieder. In Sömmerda, in Thüringen, überall dort, wo mich jemand haben will. Ich begleite Hochzeiten und fotografiere Familien, Portraits und Tiere. Arbeiten aus den letzten Jahren findest du im Portfolio. Was das kostet, steht offen auf meiner Preisseite. Ohne Sternchen.
Und das Wichtigste ist gar nicht das Körperliche. Ich bin gefestigt. Im Kopf.
Wer jahrzehntelang damit rechnet, dass es schlechter wird, verlernt das Planen. Man macht keine Pläne für etwas, von dem man annimmt, dass es einem sowieso wieder weggenommen wird. Dieses Denken abzulegen hat länger gedauert als jede Heilung.
Geheilt bin ich nicht in dem Sinn, dass alles wäre wie vorher. Die Hälfte vom Fuß kommt nicht zurück, und acht Stunden am Stück rennen werde ich nie wieder. Aber zum ersten Mal seit 1996 rechne ich morgens nicht mehr damit, dass es schlechter wird.
Heute mache ich wieder Pläne. Heute ist die Zeit.
Josi
Eine fehlt noch. Und die kam erst, als das Schlimmste schon vorbei war.
Im Februar 2026 ist Josi in mein Leben gekommen. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Ehrlich gesagt hatte ich das Thema abgehakt.
Ich hatte mir das so zurechtgelegt: Wer bleibt schon bei einem Mann, dem ein halber Fuß fehlt. Ich war überzeugt, dass mein Fuß das Hindernis ist.
Der Fuß war es nie.
Josi hat keine Sekunde gebraucht, um darüber hinwegzusehen. Es gab nichts hinwegzusehen. Sie hat mich genommen, wie ich bin, mit allem, was hinter mir liegt, und keine einzige Bedingung daran geknüpft.
Was sie mir gegeben hat, lässt sich schlecht aufzählen, aber ich versuche es: Hoffnung. Kraft. Und Liebe, an die ich selbst längst nicht mehr geglaubt habe.
Und sie war nicht nur an den leichten Tagen da. Es gab in dieser Zeit Situationen, die alles andere als einfach waren. Sie ist geblieben. Und sie ist es bis heute.
Josi ist aber noch mehr als das. Sie begleitet mich inzwischen als Assistentin auf Hochzeiten. Sie sieht Dinge, die ich mit der Kamera am Auge nicht sehe. Sie hält mir den Rücken frei. Und sie merkt, dass ich eine Pause brauche, bevor ich es selbst merke.

Die Fotos, auf denen ich in dieser Serie bei der Arbeit zu sehen bin, hat übrigens sie gemacht. Wer den Fotografen fotografiert, steht selten selbst im Beitrag. Deshalb steht es jetzt hier.
Sie ist mir eine große Stütze.
Manche Menschen gehen, wenn es schwer wird. Und manche kommen genau dann. Ich habe beides erlebt und weiß heute sehr genau, welches davon zählt.
Ich habe in diesem Beitrag über Menschen geschrieben, die gekommen sind, als es bei mir nichts zu holen gab. Josi ist gekommen, als ich gar nicht mehr damit gerechnet habe, dass überhaupt noch jemand kommt.
Josi, danke. Für das, was du jeden Tag machst, ohne darüber zu reden.
Ich liebe Dich!!! ❤️
Was ich gelernt habe, als es nicht tiefer ging
Ich bin kein Ratgeber-Typ. Aber ein paar Dinge habe ich in fast dreißig Jahren gelernt, und die gebe ich dir gern mit.
Sag den Menschen, dass sie dir wichtig sind. Heute.
Ich habe das damals nicht gemacht und es erst hinterher begriffen. Warte nicht auf den passenden Moment, den gibt es nicht.
Fahr hin.
Du musst nichts sagen, nichts mitbringen, nichts lösen. Dass du da bist, ist die ganze Botschaft.
Hör nicht auf zu fragen.
In Klinik nach Klinik habe ich dasselbe gehört. Am Ende hat einer etwas anderes gesagt. Genau dazwischen liegt mein Unterschenkel.
Bau dir ein zweites Standbein, bevor du eins brauchst.
Ich wusste seit Jahren, dass ich vielleicht nicht ewig stundenlang stehen kann. Also habe ich angefangen, etwas Zweites aufzubauen. Nicht aus Panik, sondern aus Vernunft.
Mach weiter, auch im Kleinen.
Ich habe auf einem Krankenhausflur an einem Beistelltisch gearbeitet. Das hat nichts geheilt. Aber es war das Erste seit Monaten, das ich selbst entschieden habe. Und von da an ging es aufwärts.
Wer sich helfen lässt, ist nicht schwach.
Ich habe vieles nicht allein geschafft. Das ist keine Niederlage. Das ist der ganze Trick.
Und wenn du gerade unten bist:
Du musst nicht optimistisch sein. Du musst nur morgen früh noch mal aufstehen. Mehr verlangt keiner. Auch du nicht von dir.


