Aus dem Blog

Der Mann, der auf einem halben Fuß noch die schönsten Momente festhält

23. Juni 2026

Dirk Dittrich fotografiert ein Brautpaar bei einer Hochzeit in Thüringen

So arbeite ich – mitten im Moment, bei einer Hochzeit in Thüringen.

Meine Geschichte · Teil 1

Warum ich nie aufgehört habe zu fotografieren, egal was das Leben mir genommen hat.

Ich möchte dir eine Frage stellen, bevor ich anfange.

Was würdest du tun, wenn das, was du am meisten liebst, dir langsam genommen wird, Stück für Stück, über Jahre, und du jeden Morgen trotzdem aufstehst und weitermachst?

Ich musste diese Frage nie stellen. Ich lebe die Antwort. Seit fast dreißig Jahren.

Mein Name ist Dirk Dittrich. Ich bin Fotograf aus Sömmerda in Thüringen. Ich fotografiere seit dem Jahr 2000, professionell seit 2015. Rund sechzig Hochzeiten durfte ich begleiten, dazu unzählige Familien, Menschen und Augenblicke, die nie wiederkommen. Mehr als siebzig Menschen haben meine Arbeit mit fünf Sternen bewertet. Aber darum geht es heute nicht.

Heute geht es um das, was man auf keinem meiner Fotos sieht.

Es begann mit etwas Lächerlichem

1996. Eine Warze an meinem Fuß. Eine Dornwarze, medizinisch ein Ulcus. So klein, dass man darüber lacht.

Nur dass diese Warze nicht nach außen wuchs, sondern nach innen. Tiefer und tiefer. 1998 und 2000 habe ich sie weglasern lassen. Doch der Schmerz, wenn die Haut darunter wieder zusammenwächst, war so unerträglich, dass ich es nie wieder machen ließ. Also lebte ich damit. Jahr für Jahr biss ich die Zähne zusammen und machte weiter.

Bis mein Fuß eines Tages so dick war, dass ich ernsthaft ins Krankenhaus musste. Bad Berka. Mein erstes von vielen.

Was dann kam, hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt.

Über vierzig Operationen. Elf Kliniken. Ein halber Fuß.

Bad Berka. Erfurt. Jena. Nürnberg. 2018 eine Spezialklinik in Hamburg. Und am Ende immer wieder Halle.

Was als kleine Dornwarze begann, hatte sich über die Jahre zu einer chronischen Knochenentzündung entwickelt, die keine dieser Kliniken endgültig in den Griff bekam.

Elf verschiedene Kliniken quer durch Deutschland. Über vierzig Operationen. Und keine einzige konnte das, was in meinem Fuß steckte, endgültig stoppen.

Es lief immer gleich ab. Sie entfernten etwas, in der Hoffnung, jetzt sei Ruhe. Erst zwei Zehen. Dann ein Teil vom Vorfuß. Dann noch ein Stück. Dann noch eins. Jedes Mal dachte ich, jetzt ist es vorbei. Und jedes Mal kam es zurück.

Stell dir das einen Moment vor. Du gehst in eine Operation und weißt nicht, wie viel von dir danach noch übrig ist. Und wenn du aufwachst und endlich glaubst, jetzt ist Schluss, dann meldet sich dein eigener Körper Monate später wieder und sagt: noch nicht.

Das macht etwas mit einem Menschen.

Dirk Dittrich im Rollstuhl in der Bergmannstrost-Klinik in Halle
In der Bergmannstrost-Klinik in Halle, mitten in der schwersten Zeit – und trotzdem ein Lächeln.

Als nicht nur der Körper zerbrach

Ich will ehrlich sein, sonst lohnt sich diese Geschichte nicht.

Es war nicht nur der Fuß. In genau dieser Zeit, in der ich um jeden Zentimeter meines Beins kämpfte, brach das Leben noch an einer anderen Stelle weg. Nach fünfundzwanzig gemeinsamen Jahren stand ich eines Morgens allein da. Von einem Tag auf den anderen, ohne ein erklärendes Wort, auf das ich bis heute warte.

Mehr sage ich dazu nicht, denn manches gehört nicht in die Öffentlichkeit. Aber ich sage so viel: Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Boden gleich an mehreren Stellen zugleich wegbricht. Wenn der Körper kämpft und das Herz auch. Ich habe lange gebraucht, um da wieder rauszufinden. Länger, als ich je gedacht hätte. Es gab Monate, in denen ich kaum noch funktionierte. In denen mir vieles egal war.

Wenn du gerade an so einem Punkt bist, dann glaub mir dieses eine: Man kommt da wieder raus. Es dauert. Aber man kommt raus.

Der Satz, vor dem ich am meisten Angst hatte

Irgendwann saß ich wieder in Halle, und ein Arzt sagte mir den einen Satz, den ich nie vergessen werde: Beim nächsten Mal, Herr Dittrich, müssen wir den ganzen Unterschenkel abnehmen.

Und dann kam es zurück.

In diesem Moment stand ich an einer Gabelung, die niemand für mich entscheiden konnte. Den Unterschenkel hergeben und mich damit abfinden. Oder noch einmal kämpfen, obwohl mir alle sagten, es gäbe keinen anderen Weg mehr.

Ich habe mich für den Kampf entschieden.

Ich wollte mein Bein nicht hergeben

Ich holte mir eine zweite Meinung. Die Charité in Berlin, eine der renommiertesten Kliniken Europas. Ich fuhr dorthin, voller Angst, mit nur einem kleinen Rest Hoffnung im Gepäck.

Und sie schauten mir in die Augen und sagten: Das kriegen wir anders hin.

In diesem Moment fiel eine Last von mir ab, die ich jahrelang mit mir herumgetragen hatte. Zum ersten Mal seit langem konnte ich wieder frei atmen.

Im August 2025 wurde dort der Rest meines Vorfußes entfernt. Heute stehe ich auf einem Stumpf und meinem Knöchel. Aber mein Unterschenkel ist da. Mein Bein ist gerettet. Seit fast einem Jahr ist Ruhe, und es sieht gut aus. Ich stehe auf beiden Beinen.

Das, was die ganze Zeit geblieben ist

Weißt du, was mich durch all diese Jahre getragen hat?

Es war nicht die Hoffnung, dass irgendwann alles gut wird. Diese Hoffnung wurde zu oft enttäuscht. Es war etwas anderes. Es war die eine Sache, die mir keiner nehmen konnte, egal wie viele Operationen kamen, egal was zerbrach: meine Kamera.

Wenn der Körper nicht mitspielt, der Blick tut es trotzdem. Das Auge für den richtigen Moment sitzt nicht im Fuß. Es sitzt im Kopf und im Herzen. Solange ich sehen kann, kann ich fotografieren. Und solange ich fotografiere, bin ich ganz ich selbst.

Und ich war in den dunkelsten Stunden nie völlig allein. Mein Sohn Jared hat mir Halt gegeben, einfach indem es ihn gibt. Und meine französische Bulldogge Melody war immer an meiner Seite. Ohne Fragen, ohne Worte, einfach da. Manchmal braucht man genau das, um morgens wieder aufzustehen.

Warum ich dir das alles erzähle

Nicht, damit du Mitleid mit mir hast. Mitleid ist das Letzte, was ich will. Mitleid hilft niemandem, weder dir noch mir.

Ich erzähle es dir, weil vielleicht gerade jetzt, während du diese Zeilen liest, etwas in deinem Leben schwer ist. Vielleicht denkst du, du schaffst das nicht. Vielleicht liegst du selbst am Boden und fragst dich, wie es weitergehen soll.

Dann hör mir einen Augenblick zu. Ich habe nicht mehr Kraft als du. Ich bin kein Held und kein besonderer Mensch. Ich bin nur einer, der jedes Mal wieder aufgestanden ist, auch wenn es ihm keiner zugetraut hat, manchmal nicht einmal er selbst. Und wenn ich das kann, mit dem, was hinter mir liegt, dann trägst du mit ziemlicher Sicherheit mehr in dir, als du in diesem Moment glaubst.

Du musst nicht stärker sein als alle anderen. Du musst nur einmal öfter aufstehen als hinfallen. Mehr ist es nicht. Wer wieder aufsteht, hat schon gewonnen.

Und heute?

Heute bin ich wieder da. Ganz.

Ich fotografiere wieder Hochzeiten in Sömmerda und in ganz Thüringen. Keine gestellten Posen, sondern echte Momente. Das spontane Lachen. Den verstohlenen Blick zwischen zwei Menschen, die sich lieben. Die Umarmung, die so nie wiederkommt. Genau das halte ich fest, weil ich am eigenen Leib gelernt habe, wie kostbar Augenblicke sind, die nicht zurückkommen.

Und das Leben hat mir, nach einer langen und schweren Zeit, etwas zurückgegeben, das ich schon nicht mehr für möglich gehalten hatte. Seit Februar 2026 ist Josi an meiner Seite. Nach allem, was hinter mir lag, waren eine neue Beziehung und eine Frau für mich in weiter Ferne. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal einen Menschen finde, der das alles einfach so wegsteckt und mich nimmt, wie ich bin. Josi hat den Kontakt zu mir aufgenommen, zu einem Zeitpunkt, an dem ich nicht mehr damit gerechnet hatte. Sie führt in Sömmerda einen kleinen, feinen Laden mit selbstgemachten Unikaten, jedes Stück mit Liebe von Hand gefertigt. Wieder einen Menschen an seiner Seite zu wissen, der einen so nimmt, wie man ist, mit allem, was war, das muss man erst wieder zulassen lernen. Ich bin dankbar, dass ich es konnte.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft hinter meiner Geschichte. Es wird wieder gut. Nicht von allein, und nicht ohne Kampf. Aber es wird.

Schwarzweiß-Hochzeitsfoto eines Brautpaars, fotografiert von Dirk Dittrich in Sömmerda
Schwarzweiß-Aufnahme aus einer Hochzeitsreportage in Sömmerda.

Es gibt übrigens noch einen Teil dieser Geschichte, den bisher kaum jemand kennt. Wie aus meinem tiefsten Punkt sogar etwas völlig Neues entstanden ist, etwas, mit dem niemand gerechnet hätte. Aber das erzähle ich dir ein anderes Mal.

Wenn du einen Fotografen suchst, der weiß, dass die wichtigen Momente nur ein einziges Mal passieren, dann lass uns reden. Ich freue mich darauf, deine Geschichte festzuhalten.

Kontakt & Hochzeitsfotografie

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